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Happy Birthday Paulinchen

Der Grund für meinen Brief ist sehr einfach, denn nicht nur Paulinchen feiert sein 15. Jubiläum, sondern auch ich begehe am 1. Januar das 17jährige Dasein meiner Verbrennungen. Ich möchte anhand meiner Geschichte Eltern, aber besonders brandverletzten Kindern, Mut machen, dass es möglich ist, sich mit sich und seinem brandverletzten Körper „anzufreunden“. Mir ist die „Freundschaft“ zu meinen Narben gelungen, doch wie es in einer Freundschaft üblich ist, erlebe ich immer wieder Hoch- und Tiefphasen und bin mir bewusst, dass sich das niemals ändern wird.

Doch zunächst möchte ich kurz meine Person vorstellen, denn meine Einstellungen haben natürlich ihre Geschichte. Ich möchte an dieser Stelle keine Behandlungsgeschichte erzählen, denn dass meinem Unfall eine Odyssee an Schmerzen, Krankenhausaufenthalten und körperlichen Einschränkungen folgte, dürfte jedem Betroffenen selbst zur Genüge bekannt sein.

Mein Name ist Jana. Ich bin 23 Jahre alt, mittlerweile Studentin für Hauptschullehramt und tief II. ° bis III. ° brandverletzt. Am 1. Januar 1993 änderte sich durch eine Wunderkerze mein Leben, denn mein Pullover fing Feuer und ich mit ihm. In mehreren Operationen, mit Hauttransplantationen verschiedenster Art, versuchten die Ärzte das Ausmaß der „Bescherung“ einzuschränken. Erfolgreiche und weniger erfolgreiche Krankenhausaufenthalte brachten hervor, dass ich heute sagen kann, meine Narben sind bestmöglich versorgt worden. Und dennoch sehe ich mein persönliches Brandmal jeden Tag aufs Neue im Spiegel. Die Brust lässt sich verdecken, der Hals jedoch nicht. Heute, nach 17 Jahren Verbrennung, kann ich sagen, es ist gut so, denn ich weiß, dass ich nicht zuletzt durch meinen Unfall zu der Person geworden bin, die ich heute bin: eine lebenslustige, interessierte und humorvolle Frau mit dem ungewollten „gewissen Etwas“.

Dass diese Besonderheit mit wahnsinnigen Selbstzweifeln, Momenten des Ekels verbunden ist, wurde mir sehr schnell bewusst. Natürlich nicht in der ersten Zeit nach dem Unfall, denn als siebenjähriges Kind war es mein einziges Bestreben, schnell aus dem Krankenhaus in den Kreis meiner Familie zu kommen, meine Ruhe vor Ärzten und speziell vor grausamen Nadeln zu haben. Ich konnte die Tragweite meiner Verletzung nicht abschätzen. Immer wenn meine Eltern mir erklärten, dass die Behandlungen wichtig für mich und mein späteres Erscheinungsbild seien, dachte ich mir (oder sprach es auch deutlich aus): „Ihr habt doch alle einen riesigen Knall“. Meine Freunde mochten mich wie ich war, meine Kompressionsanzüge waren irgendwann zum Alltag geworden (5 Jahre!) und ich sah kein Problem in meinen Narben.

Doch dann kam die Pubertät. Die Brüste fingen an zu wachsen und mit ihnen der kritische Blick auf meinen Körper. Ich fand meine Narben nur noch hässlich, erkannte schnell, dass meine Weiblichkeit der Brüste durch die Brandwunden entstellt war. Immer wieder versuchte ich mir einzureden, dass der Tag komme, an dem es mir egal sein würde, an dem ich sagen könnte, „Hallo Narben, ihr seid doch gar nicht so schlimm, ich mag euch“. Doch dieser Tag kam nie. Meine Entwicklung schritt voran, die Pubertät entwickelte sich zu meiner persönlichen Hölle. Oftmals endeten Einkäufe mit meiner geduldigen Mutter in schreienden Heulkrämpfen, weil mich die Realität wieder einmal in der Umkleidekabine geohrfeigt hatte und ich erkennen musste, dass der Ausschnitt des begehrten Kleidungsstücks zu tiefe Einblicke auf meine Wunden gegeben hätte. Meine Mutter und ebenso mein Vater hatten es oftmals nicht leicht, wenn sie ihr Kind so sehen mussten.

Ich denke, es ist niemals leicht, sein Kind leiden zu sehen, doch gerade in solchen Momenten kamen die Selbstvorwürfe wieder stärker zum Vorschein. Nicht nur mein Leben krempelte sich mit dem Unfall um, sondern auch das der geliebten Eltern, die im Blickwinkel des Kindes doch so unantastbar stark und heldenhaft sind. Meine persönlichen Helden hatten in diesen Momenten genauso viel zu schlucken, standen mir mit Verständnis und tröstenden Worten bei.

Doch merkte ich schnell, dass ich diese „Sache“ mit mir selbst auszumachen habe. Es klingt an dieser Stelle unter Umständen so, als ob ich eine eingeschränkte, traurige und düstere Jugendzeit durchlebt habe. Dem ist nicht so! Bunte Nachmittage ließen mich Kind und Teenager sein, teilweise den Unfall völlig vergessen. Nur hier und da ging ein Vorhang auf und das ganze Desaster brach über mich hinein.

Geändert hat sich das Gefühl des Desasters, der Gedanke „wieso ich?“ und der Selbstekel erst mit 17 Jahren. Für manch einen das Ende der Pubertät, für mich der Beginn der Akzeptanz meiner Narben.

Ich machte schon immer die Erfahrung, dass alle Freunde und Freundinnen meine Narben herunterspielten und als nichtig ansahen. Doch genau das machte mich so rasend. „Jana zieh doch einen Bikini an, das stört doch niemanden“, war nur ein Baustein meines Zorns. Ich dachte mir, vielleicht stört es euch nicht, aber mich!! Und genau das war der springende Punkt, ich hörte endlich auf darauf zu achten, was andere über meine Verbrennungen dachten, sondern akzeptierte neben meinen offensichtlichen Narben, meine seelischen. Ich nahm mich allmählich anders war, hörte auf, mich wegen meiner Narben zu schämen. (Wie blöd musste ich gewesen sein, zu denken, dass ich irgendetwas dafür konnte?!) und bemerkte, dass nicht meine Erscheinung, sondern meine offene, fröhliche Art die Leute erreichte.

Mit der ersten Liebe kam dann schlieĂźlich auch die Liebe – oder nennen wir es besser Freundschaft â€“ zu mir. Ich erfuhr am ganzen Leib, dass ich wegen mir und meinem ganzen Körper geliebt werde und dass die Wunden meiner Haut keine Rolle spielen. Das Paket Jana war der Grund. Ich erfuhr, dass meine Narben mich auszeichneten, sogar zu etwas Besonderem machten (man sieht schlieĂźlich nicht alle Tage Brandwunden!) und lernte dies selbst zu akzeptieren.

Heute steht das „Paket“ wie bereits erwähnt in freundschaftlicher Beziehung zu sich selbst! Ich bin mir darüber im Klaren, dass ich niemals sagen werde, dass die Verbrennung kein Problem in meinem Leben darstellt. Das wäre schlicht und einfach gelogen. Aber die Botschaft des „Kleinen ich bin ich“, welches ich einmal bei einer Veranstaltung in Rummelsberg gebastelt habe, hat mittlerweile seinen Zweck für mich persönlich erfüllt. Ich weiß, dass so viele Komponenten einen Menschen ausmachen. Aber ich weiß auch, dass es besonders wichtig ist, realistisch auf die Auswirkungen einer Brandverletzung zu schauen. So viele Menschen sagen, dass es nicht schlimm ist. Aber es ist schlimm. Und es ist grausam. Aber mit der eigenen Akzeptanz und bestimmt auch einer großen Portion Humor aller Beteiligten in der Phase der Selbstfindung eines brandverletzten Kindes, lässt sich das Mal der Kindheit ertragen. Und irgendwann - hoffentlich früher oder eben auch später - kommt der Punkt sagen zu können, das Leben ist schön! Grausam und schön.

Herzliche GrĂĽĂźe
Jana

PS: Herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum. Paulinchen ist ein großartiger Verein, der nicht nur mir, sondern auch meiner Familie in der akuten Zeit hilfreich war.

 

Land der Ideen 2011